@article{BergGallasKalisky2024, author = {Berg, Nicolas and Gallas, Elisabeth and Kalisky, Aur{\´e}lia}, title = {»Unschuldige W{\"o}rter«? J{\"u}dische Sprachkritik und historische Erkenntnis}, journal = {Zeithistorische Forschungen - Studies in Contemporary History}, volume = {20}, number = {2}, publisher = {ZZF - Centre for Contemporary History: Zeithistorische Forschungen}, address = {Potsdam}, doi = {10.14765/zzf.dok-2806}, pages = {187 -- 203}, year = {2024}, abstract = {In den ersten Wochen der Kanzlerschaft Hitlers begann der Dresdner Romanist Victor Klemperer in seinem Tagebuch {\"o}ffentliche Sprachereignisse und eigene Spracherlebnisse festzuhalten, die anzeigen, wie schnell und konsequent sich die Nazifizierung der deutschen Gesellschaft vollzog. Radikal erfolgte die sprachliche »Annullierung einer Welt«, deren Grundbegriffe kurz zuvor noch Geltung gehabt hatten. Der aus seinem Amt verjagte Gelehrte hielt beinahe t{\"a}glich Beobachtungen {\"u}ber die Art und Weise fest, wie die staatliche Propaganda den Alltag durchsetzte: In allen Schichten und Lebensbereichen sprachen die Menschen nun »nazistisch«, gr{\"u}ßten anders, unterhielten sich anders, schimpften anders - und schrieben auch eine andere Wissenschaftsprosa, wie Klemperer teils ungl{\"a}ubig, teils verzweifelt an den Ver{\"o}ffentlichungen in seinem Fach konstatieren musste. Seine Notizen zur »LTI« (»Lingua Tertii Imperii«, »Sprache des Dritten Reiches«) f{\"u}hrte er bis Mai 1945 fort (und sp{\"a}ter auch dar{\"u}ber hinaus). In einem Eintrag vom April 1937 hielt Klemperer das methodologische Credo der von ihm geplanten Sprachstudie fest, wenn er mit Blick auf den {\"o}ffentlich zelebrierten Bekenntnisrausch der NS-Paraden, der Parteifahnen, Lieder und Schlagworte, das lateinische Sprichwort {\"u}ber Wein und Wahrheit zum Motto seiner Sprachkritik abwandelte: »In lingua veritas«. Diese Sentenz b{\"u}ndelte die {\"U}berzeugung Klemperers, der seine Sprachbeobachtungen zeitgleich auch in einem Brief an seinen Schwager Martin Sußmann erl{\"a}uterte, der sich mit seiner Familie ins schwedische Exil retten konnte: »Die Arbeit bekommt eine psychologische und eine damit zusammenh{\"a}ngende historische Seite. […] Es ist n{\"a}mlich nur zum kleiner[e]n und oberfl{\"a}chlichen Teile wahr, dass die Sprache dem Menschen zum Verbergen seiner Gedanken gegeben ist, vielmehr: sie verr{\"a}t ihn.«}, language = {de} }