@article{Berg2024, author = {Berg, Nicolas}, title = {Sprachkritik und Autobiographie. {\"U}ber Victor Klemperers »LTI. Notizbuch eines Philologen« (1947)}, journal = {Zeithistorische Forschungen - Studies in Contemporary History}, volume = {20}, number = {2}, publisher = {ZZF - Centre for Contemporary History: Zeithistorische Forschungen}, address = {Potsdam}, doi = {10.14765/zzf.dok-2813}, pages = {331 -- 345}, year = {2024}, abstract = {Victor Klemperers Schrift »LTI. Notizbuch eines Philologen« wurde bereits in der Erstauflage zu 10.000 Exemplaren gedruckt, aber sie wurde nicht gleich zu dem Erfolg, den sich ihr Autor erhofft hatte. An Silvester 1947, nachdem ihm der Verlag das Geschenk eines eigens f{\"u}r ihn gebundenen Exemplars des ansonsten kartonierten Werks zugeschickt hatte, notierte er bedr{\"u}ckt in sein Tagebuch: »In diesem sch{\"o}nen Band […] tritt die J{\"a}mmerlichkeit des Papiers u. des Druckes noch krasser hervor. Im {\"u}brigen ist es ganz still von der LTI. Wo sind die 10.000 Exemplare? In keiner Buchhandlung, in keiner Redaktion. Keine Zeitung hat davon Notiz genommen.« Heute ist diese fr{\"u}h ge{\"a}ußerte Entt{\"a}uschung zu einer Fußnote geworden, denn das Buch geh{\"o}rt l{\"a}ngst zu den Klassikern der Sprachkritik, liegt in sechsstelliger Auflagenh{\"o}he und in vielen {\"U}bersetzungen vor. Das Nachdenken {\"u}ber die linguistische Korruption der modernen {\"o}ffentlich-politischen Rede wurde durch wenige Werke so sehr angeregt wie durch dieses. LTI wurde dabei einerseits als »bedeutendes zeithistorisches Dokument« f{\"u}r die {\"A}ra des »Dritten Reiches« betrachtet, andererseits als »Wissensspeicher« f{\"u}r die Analyse der Funktionsweise einer Diktatur im Allgemeinen interpretiert. Beide Lesarten finden im Buch ihre Belege. Der ironische Latinismus »LTI« (f{\"u}r »Lingua Tertii Imperii«, »Sprache des Dritten Reiches«) war Kommentar und Deckk{\"u}rzel zugleich; er persiflierte die nazistische Sucht nach Abk{\"u}rzungen; und er war auch die »Geheimformel« (S. 20) in Klemperers Tagebuch der Jahre 1933-1945, mit der er seine Sprachbeobachtungen markierte. Ob nun mit dem Akzent auf die Zeugenschaft des Autors oder mit dem Blick auf die analytischen Angebote des Buches: Es ist in keiner dieser Perspektiven eine vergessene Schrift, sondern ein kanonisch gewordenes Werk, das im doppelten Wortsinne Geschichte geschrieben hat.}, language = {de} }