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Jahresbericht 2025
(2026)
Der Jahresbericht des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) für 2025 ist erschienen.
Unser Jahresbericht berichtet auf gut 160 Seiten über die vielfältigen Aktivitäten des ZZF im Vergangenen Jahr: über die Forschungsprojekte und Forschungsergebnisse des Instituts, über die Angebote unserer Online-Portale, unserer Infrastrukturabteilungen und die Aktivitäten im Bereich des Wissenstransfers.
Lesen Sie u.a.:
- wie wir im Schwerpunkt »Nachgeschichte des Nationalsozialismus« forschen. So ging das Verbundprojekt »Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000« in seine zweite Förderphase und setzt den Akzent nunmehr vor allem auf die Geschichte der Rechten in Ostdeutschland,
- wie wir in der Forschung unsere internationalen Perspektiven weiter ausbauen. Es sind zahlreiche Studien zur osteuropäischen Geschichte entstanden, aber auch zur deutschen Geschichte in ihren globalen Bezügen,
- wie wir mit dem Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“ dazu beitragen, aus früheren Krisen und Umbrüchen für Gegenwart und Zukunft zu lernen. So starteten die „Moving-Labs“, die als interaktive Veranstaltungen auch in kleineren Städten mit Bürger*innen in den Austausch treten.
Erfahren Sie mehr über die Highlights des vergangenen Jahres, u.a. über die Ausstellung »Das Weite suchen«, die Fotografien der späten DDR und der frühen 1990er zeigt, über Publikationen, Veranstaltungen und vieles mehr.
»Sie, eine Frau von hoher Schönheit, von antiker Würde und raphaelischem Ebenmaß […] beschloß an einem sonnigen Wintertag La Rotonda zu verlassen. Sie löste ein Ticket aller jamais retour Berlin Tegel. Sie wollte ihre Vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes Haus. Sie wollte sich mit all ihren Kräften auf eine Sache konzentrieren, ihre Sache; endlich ihrer Bestimmung zu leben war ihr alleiniger Wunsch. […] Berlin, eine Stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr der rechte Ort, ungestört ihrer Passion zu leben. Ihre Passion war zu trinken, leben um zu trinken, trinkend leben, das Leben einer Trinkerin.«
»Aber eines sage ich nur Ihnen: es soll mir niemand mehr kommen und sagen, ein Schizophrener sei nicht einer schöpferischen Leistung fähig; bei Schröder ist wohl das ganz seltene Ereignis eingetreten, dass die Psychose einen durchschnittlichen Menschen zum schöpferischen Künstler erhoben hat.« Mit diesen begeisterten Worten berichtete der schweizerische Psychiater Alfred Bader (1919–2009) seinem österreichischen Kollegen und Freund Leo Navratil (1921–2006) von der Begegnung mit dem psychiatrieerfahrenen Künstler Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982) in West-Berlin 1964. Bader war gemeinsam mit dem Schweizer Filmemacher Ernest (Nag) Ansorge (1925–2013) in die Mauerstadt gereist, um einen Film über den kontrovers beurteilten Autodidakten Schröder-Sonnenstern zu drehen.
»Irren ist menschlich«: Unter diesem Titel erschien 1978 erstmals ein »Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie«, das allen gewidmet war, »die sich in der Ausbildung befinden«, »die in der Psychiatrie arbeiten« und »die sich betroffen fühlen«. Adressiert wurde somit ein deutlich über das Fachpublikum hinausreichender Leser:innenkreis, den die Autor:innen Klaus Dörner und Ursula Plog in der einführenden »Gebrauchsanweisung« (S. 9-16) weiter ausbuchstabierten: Das Buch solle nicht nur durch ein anstehendes Examen helfen und dem »psychiatrisch tätigen Leser« ein »nachdenklicheres«, »freudvolleres« Arbeiten ermöglichen, sondern »auch für Laien, Angehörige und Patienten« lesbar sein (S. 9). Grundsätzlich solle es »den Leser privat befähigen, mit sich und seinem Leben besser umzugehen« (ebd.). Durch diesen Anspruch überschreitet das Lehrbuch die Grenze zwischen psychiatrischem Fachbuch und allgemeiner Ratgeberliteratur. Es reiht sich so nicht nur in Publikationen ein, die die Neuorganisation des bundesdeutschen psychiatrischen Versorgungssystems diskutierten, sondern auch in den allgemeinen »Psychoboom« der 1970er-Jahre.
»Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie« von Gilles Deleuze und Félix Guattari fällt in einer Klassifikation, die der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard aufgestellt hat, unter die »Bücher, die man vom Hörensagen kennt«: Es »ist nicht nötig«, sie »in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen«. Von Anfang an waren die Lektüren indes uneins, wie das Buch überhaupt aufzufassen sei und welche Position es vertrete. Ungeachtet seiner näheren Einordnung in eine Geschichte der French Theory ist vor allem strittig geblieben, welche Stellung es zur Psychoanalyse und Psychiatrie bzw. Psychiatriekritik einnimmt. Manchen Lesarten, die dem Buch attestieren, es sei »faithful to Freud’s core insights«, stehen andere gegenüber, die es entweder als einen Rückfall hinter wesentliche Einsichten der Psychoanalyse ansehen oder aber als deren intransigente Kritik.
Das Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« ist weit mehr als eines der erfolgreichsten Sachbücher der deutschen Nachkriegsgeschichte. Millionenfach verkauft, avancierte es binnen kürzester Zeit zur »Bibel der Turnschuhgeneration, die sich ›in die Leiden der heiligen Christiane‹ (Herbert Riehl-Heyse) so inbrünstig versenkt wie eine andere Generation einst in die des jungen Werther«. Die »heilige Christiane« war die 1962 in Hamburg geborene Christiane Vera Felscherinow, die mit schonungsloser Offenheit ihren Weg als minderjährige Schülerin in die Heroinsucht schilderte. Ihre Geschichte war dabei nicht nur die Beschreibung einer Flucht vor Langeweile, Frust, familiärer Gewalt, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und einer rastlosen Suche nach sozialer Anerkennung. Vielmehr löste sie zugleich eines der wohl größten Medienereignisse der 1970er- und 1980er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland aus. Denn das 1978 erschienene Buch generierte eine immense mediale, pädagogische und politische Aufmerksamkeit, die sich durch den Film von 1981 noch steigerte – abzulesen etwa an der Vielzahl deutscher und internationaler Rezensionen sowie der Kommentare, Leitfäden und Ratgeber für Eltern und Lehrer*innen zum pädagogisch verantwortungsvollen Umgang mit Christiane F.s Schilderungen.
In 1963, Anton D. and Marie M. were admitted to the Institute of Psychiatry in Brussels. The records produced during their stay document the conditions of their hospitalization and also reveal the many institutions they interacted with throughout their lives. While not all of these institutional connections left archival traces, some generated valuable records. By cross-referencing these sources – medical, administrative, police, and judicial – we can enhance their archival corpus and reconstruct their trajectories over time. Once gathered, these materials shed light on their individual paths and also provide insights into the long-term transformations of psychiatric care practices. With this article, I aim to demonstrate the potential of biographical reconstructions through the combination of such different materials, offering a closer understanding of the historical experience of psychiatric deinstitutionalization.
True Crime – die Darstellung »wahrer Verbrechen« – gilt in seinen analogen, digitalen und interaktiven Formaten längst als Teil der (westlichen) Populärkultur und als »big business«. An Untersuchungen des Phänomens, das zuerst Buchmarkt und TV-Kanäle eroberte und aktuell das Netz flutet, mangelt es nicht. Eine expandierende medien-, literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung fragt, wie die mediale Omnipräsenz brutaler Mörder und Serienkiller sowie die von ihnen ausgehende Faszination für das Publikum einzuordnen sind. Der Blick richtet sich dabei stark auf die USA und auf die Gegenwart. Exemplarisch steht hier Mark Seltzers Zeitdiagnose, die True Crime als Phänomen einer neuartigen »wound culture«, als populären Ausdruck einer »pathologischen Öffentlichkeit« sieht. Über »Fremd-Intimität« und »Stellvertreter-Gewalt« werde eine neue Form technisiert vermittelter Gemeinschaft hergestellt, in der sich die Trennung zwischen privat und öffentlich auflöse.
Der Beitrag untersucht für die Bundesrepublik, wie es dazu kam, dass sich der Ansatz von Frauenhäusern und Notrufen in den 1980er-Jahren von der Selbsthilfe zu feministischer Sozialarbeit verschob und dass schließlich auch therapeutische Methoden einbezogen wurden. Dieser Wandel war, so die hier vertretene These, nicht nur der Institutionalisierung und Professionalisierung der Frauenprojekte geschuldet. Ein wichtiger Faktor war auch die aufkommende feministische Auseinandersetzung mit Traumatisierung als psychischer Folge von Gewalt. Anhand von Bewegungszeitschriften und Archivquellen wird nachgezeichnet, wie die Aktivistinnen vor dem Hintergrund ihrer Kritik an ignoranten Hilfestrukturen (der Psychiatrie, Psychotherapie, Soziale Hilfen etc.) und ihrem Selbsthilfeanspruch nicht-psychiatrisierende Erklärungen von psychischen Beeinträchtigungen gewaltbetroffener Frauen sowie alternative Hilfsangebote entwickelten. Damit trugen sie zu Verschiebungen der verflochtenen Normen von psychischer Gesundheit und Geschlecht und zur allmählichen Transformation des psychowissenschaftlichen Feldes bei.
In diesem Beitrag wird rekonstruiert, wie die Community feministischer Therapeutinnen von den 1970er-Jahren bis in die späten 1990er-Jahre mit Konflikten, Ein- und Ausschlüssen umging. Hauptquellen der Untersuchung sind die Dokumentationen der jährlichen Frauentherapiekongresse, die für die Geschichtsschreibung sozialer Bewegungen reichhaltiges Material liefern. Die Diskurse in diesem Forum wurden seit der Zeit der bundesdeutschen Psychiatrie-Enquête von 1975 geführt, allerdings abseits des psychiatrischen Feldes im engeren Sinne. Ausgangspunkt war die feministische Psychiatriekritik an der Pathologisierung von Frauen. Dass sich neue Therapieformen entwickeln konnten, ist auch als Folge der Öffnung des psychiatrischen Feldes zu interpretieren: Für Frauen wurde es möglich, sich als Betroffene von sexistischer Diskriminierung zu begreifen und selbst aktiv zu werden. Die Entwicklung verlief jedoch keineswegs linear und war auch mit Verletzungen verbunden. Die Anerkennung lesbischer und/oder jüdischer Frauen, von Frauen mit Migrationsgeschichte und/oder Behinderung – also die Sensibilität für Mehrfachdiskriminierung – war im Kontext der Frauentherapiekongresse lange nicht selbstverständlich.
Mit ihren auf Selbstentfaltung zielenden psycho-spirituellen Angeboten war die Neo-Sannyas-Bewegung um Bhagwan Shree Rajneesh alias Osho Teil des in den 1970er-Jahren aufkommenden »Psychobooms«. Gekennzeichnet durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Therapie und transzendentaler Selbsterfahrung, lässt sich an dieser Bewegung die Erosion der Differenz von »normal« und »verrückt« exemplarisch darstellen. In dem Beitrag werden die enorme Medienproduktion der Sannyasins und ihre Funktionen untersucht. Die in Eigenregie hergestellten Zeitschriften, Bücher, Audio- und Videokassetten waren für den Zusammenhalt der Neo-Sannyas-Bewegung von entscheidender Bedeutung. Sie verbreiteten ein körperorientiertes spirituelles Psychowissen, das seinen Weg sogar auf die östliche Seite des »Eisernen Vorhangs« fand. Gleichzeitig erzeugten und festigten solche Medien die »Marke« Bhagwan auf einem boomenden, sich ausdifferenzierenden Psychomarkt. Als Quellen dienen die Medienprodukte sowie Archivalien und graue Literatur aus dem International Institute of Social History (Amsterdam), der Oregon Historical Society (Portland) und dem Stasi-Unterlagen-Archiv (Berlin), ergänzt um Interviews mit Zeitzeug:innen.
Transkulturelle Psychiatrie ist heute der Name für ein Spezialgebiet zur psychiatrischen Versorgung von Menschen mit Migrationserfahrungen, während in der Vergangenheit unter dieser Bezeichnung methodische Grundsatzprobleme verhandelt wurden. Denn die Frage, inwieweit Krankheiten kulturell geformt sind, stellt sich in der Psychiatrie mit besonderer Dringlichkeit. Für die psychiatrische Zeitgeschichte sind dabei vor allem die 1970er-Jahre aufschlussreich, als in der Bundesrepublik Deutschland sozialpsychiatrische Reformen einsetzten, während international um die Dekolonisierung gekämpft wurde und die Weltgesundheitsorganisation das homogenisierende Leitbild Global Mental Health prägte. Vorgestellt und verglichen werden hier die für die Transkulturelle Psychiatrie in der Bundesrepublik zentralen Positionen von Erich Wulff und Hubertus Tellenbach. Trotz gemeinsamer philosophisch-methodenkritischer Ausgangspunkte entwickelten sie höchst unterschiedliche Sichtweisen (historisch-materialistisch versus metaphysisch). Die damals verhandelte Spannung zwischen einem universalen Maßstab und kulturspezifischen Konzepten weist zugleich auf aktuelle postkoloniale Debatten zum Kulturrelativismus voraus.
Die Geschichte der Psychiatrie ist nicht nur eine Geschichte der Differenz von »gesund« und »krank«, sondern auch von »normal« und »verrückt«. Das letztere Begriffspaar prägt seit der Aufklärung den Umgang mit psychischer Alterität. Mit ihm wurde in verschiedenen Kontexten eine nicht nur für die Psychiatrie konstitutive Wahrnehmung einer sozialen Devianz gefasst. Seit dem frühen 19. Jahrhundert dienten die Begriffe den bürgerlichen Gesellschaften europäischer Prägung zur Gegenüberstellung einer – westlichen, modernen, zivilisierten, männlichen etc. – »normalen« Vernunft auf der einen Seite und einer als »verrückt« (im Sinne von nicht gesellschaftskonform) ausgegrenzten, psychiatrisierten Unvernunft auf der anderen.
Der Jurist, Fotograf und Journalist Erich Salomon fertigte 1928 heimlich Aufnahmen während eines Gerichtsprozesses an. Zwar waren Fotografien von Gerichtsverhandlungen bereits zuvor vereinzelt genehmigt und veröffentlicht worden, doch die Verbreitung von Salomons nicht autorisierten Aufnahmen, gilt als Ausgangspunkt der Gerichtsfotografie als eigenständiges Genre in der Weimarer Republik.
Was unter einer Familie verstanden wird, hat sich über die Zeit hinweg gewandelt. Der Artikel stellt unterschiedliche Familienmodelle vor, vom „Haus“ über die „christlich-bürgerliche Kernfamilie“ bis hin zur „Regenbogenfamilie“ der Gegenwart, und bietet dabei einen Überblick über die historische und soziologische Familienforschung.
The aim of this article is to examine monidła as a widespread yet poorly documented visual and vernacular form, characteristic of Polish everyday culture in the twentieth century. The text focuses on the conditions of their production, modes of distribution, and patterns of use within the domestic space.
Zeitschriften wie Nation Europa und Défense de l`Occident tradierten nach 1945 die alte rechtsradikale Ideologie. Rechtsradikale Ideologie verschwand nach 1945 nicht, sondern suchte sich neue Ausdrucksformen. In der Bundesrepublik und in Frankreich spielten dabei die rechtsradikalen Zeitschriften »Nation Europa« und »Défense de l'Occident« eine zentrale Rolle. Sie bewahrten faschistische und nationalsozialistische Denkmuster und arbeiteten an neuen Begriffen, »Rasse« wurde etwa zu »Kultur«. Sie entwarfen mit dem »europäischen Nationalismus« ein ideologisches Dach für unterschiedliche Strömungen. Marie Müller-Zetzsche rekonstruiert die intellektuelle Vorgeschichte der »Neuen Rechten« in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich. Sie zeigt, wie ein Netzwerk von »politischen Schriftstellern« über Jahrzehnte hinweg ideologische Kontinuitäten schuf, Narrative bewahrte und Diskursräume öffnete, die für spätere rechte Bewegungen anschlussfähig wurden. Dabei steht nicht nur die inhaltliche Tradierung im Fokus, sondern auch die publizistische Strategie: Wiederholung, scheinbarer Pluralismus, Kampf um Begriffe, Übersetzung und nicht zuletzt transnationale Vernetzung.
Wie prägt alltägliches Fotografieren unsere Wahrnehmung und Erinnerung? Die beiden Autor:innen der Projekvorstellung Nadine Kulbe und Torsten Näser betonen die Bedeutung privater Fotos als historische Quellen. In der Ausstellung „Alle fotografieren?“ wird Fotografie als aktive kulturelle Praxis verstanden, nicht nur als Abbild der Realität.
Über Jahre hat die promovierte Kunsthistorikerin Nicola Brandt die Landschaften Namibias bereist, fotografiert und recherchiert. Das Buch, das in Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und lokalen Communities entstand, fordert den immer noch weitverbreiteten hegemonialen und eurozentrischen Blick auf Namibia (und letztlich auf „Afrika“) heraus.
Biography is a literary and academic genre that only becomes a conceptual approach to historical science through the process of theoretical and methodological reflection. Current research defines biographies as the “presentation and interpretation of an individual life within history,” as “an individual life story that encompasses both the external course of life and intellectual and psychological development,” or as “a textual representation of a life” in which “a real person” is always at the centre. Biographies are thus what we might call narratives of reality.
Durch technische Innovationen und sich wandelnde gesellschaftliche Verhältnisse hat die Privatfotografie im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren. In diesem Beitrag soll anhand einer Stichprobe ein Stück weit in ein für Deutschland bisher noch nicht erforschtes Feld im Bereich von Visual History und Militärgeschichte hineingeleuchtet werden. Bisher ist die Privatfotografie in der Nationalen Volksarmee (NVA) und Bundeswehr kaum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung.
Linda Conze untersucht in ihrer Monografie Fotografien von Feierlichkeiten in Deutschland an der Schwelle von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“ – und stellt in den Praktiken der Vergemeinschaftung und den Bildern davon eher eine Kontinuität anstatt eine deutliche Zäsur fest. Die Fotografie spielte jedoch eine signifikante Rolle bei der Weichenstellung und Konstruktion des Transformationsprozesses von der Weimarer Republik zur NS-Diktatur. Linda Conzes Monografie ist inspirierend für diejenigen, die sich für eine Sozialgeschichte der NS-Zeit, Alltagsgeschichte oder Visual History interessieren.
Ulrich Kneise gehört zu den führenden Fotografen Thüringens und ein markanter Vertreter der jüngsten Generation sozialdokumentarischer Fotografen und Fotografinnen aus der DDR, der ostdeutsche Prägungen und die sozialen Umbrüche der „Wende-Zeit“ im Bild zeitnah eingefangen hat. Einen Tag nach der Grenzschließung am 14. August 1961 geboren, sieht er sich selbst als „Mauerkind“ (S.8). „Die Grenze ist nicht nur Materialität, nicht Draht, Beton und Streckmetall, sie ist in uns und will selbst drei Jahrzehnte nach ihrem Fall Tag für Tag abgetragen werden“ (S. 10), so der Fotograf.
In their project, Picture Me, the authors engage with a burgeoning interest in queer Finnish history and with scholarship from the German tradition of visual history to consolidate a new research field called queer visual history. Each researcher in the project is working with a particular archival record, or records, associated with Finnish historical figures that are alleged to have lived queer lives. The shared concern is, to test what visual methods can do to enhance our historical analyses and, and to embrace the richness of the photographic archive for the ways in which it has been able to capture not just individuals’ stories, but the spaces in which they lived, the people who accompanied them, and even the perspectives with which they viewed their own lives.
Jovan Ritopečki (1923-1989) war ein jugoslawischer Fotograf und Bildjournalist, der in den 1970er und 1980er Jahren das Leben jugoslawischer Migrant:innen in Österreich für österreichische und jugoslawische Medien und als „Community“-Dokumentarist begleitete. Sein Archiv blieb jahrzehntelang in Familienbesitz verwahrt und einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt. Seine Wieder- bzw. Neuentdeckung ist ein Glücksfall für die Forschung und Öffentlichkeit. Eine neue Bilddatenbank macht diesen bisher kaum bekannten Nachlass nun zugänglich.
Bilder von Leichtigkeit und Normalität inmitten einer Welt, die zutiefst erschüttert wurde. Im Urlaub, beim Sport, selbst auf der Flucht und nach der Ankunft im Exil: Während der Zeit des nationalsozialistischen Terrors hielten Jüdinnen und Juden ihren Alltag mit der Kamera fest. Ihre Fotos bewahrten sie oft in selbst gestalteten Alben auf. Die herausgestellte Leichtigkeit und die Normalität der Bilder stehen quer zum Wissen um die Anfeindung und Entrechtung, die die Abgebildeten als Juden erfuhren. In einer Zeit, in der ihre gesamte Lebenswelt zutiefst erschüttert wurde, gewinnen sie aber eben dadurch an Bedeutung. Anhand einer sensiblen Analyse von mehr als hundert größtenteils unbekannten Sammlungen zeigt Robert Mueller-Stahl, wie die private Fotografie für Jüdinnen und Juden zu einem Medium der Selbstbestimmung wurde. Kamera und Album ermöglichten es ihnen, sich so zu sehen und zu erinnern, wie sie selbst es wollten. Die Fotos widersetzen sich nicht nur den Blicken der Tätergesellschaft, sie fordern auch die heutigen Vorstellungen über das jüdische Leben der Zeit heraus. Inmitten von Verfolgung und Vernichtung sind es Zeugnisse des Lebens. Ausgezeichnet mit dem Humboldt-Sonderpeis für Forschung zu Judentum und Antisemitismus der HU Berlin.
Wie bildeten sich nationalistische Milieus in der Bonner Republik und welche Veränderungen durchliefen sie? Der Rechtsradikalismus formierte sich in der Bundesrepublik nicht nur über Parteien, sondern auch über nationalistische Milieus mit geteilten Lebenswelten und Netzwerken. Diese zeichnen sich durch ein kommunikatives Handeln aus, das rechtsradikale Vorstellungen und Praktiken festigte, etwa durch gesellige Ausflüge, Aktionen von Jugendverbänden oder Treffen in bestimmten Räumen. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes spüren der Lebenswelt nach, in der Rechtsradikale agierten und ihre Netzwerke ausbauten. Sichtbar wird, wie sich ihr Auftreten nach dem Nationalsozialismus veränderte und sie sich an den Gesellschaftswandel anpassten. Damit wird zugleich deutlich, wie sich Weltanschauung, Organisationen und Parteien der extremen Rechten veränderten, ebenso ihre sozialen Praktiken, Aktionsformen und Gewalthandlungen.
Im Spätsommer 1991 führt die Neugier Anselm Graubner nach Kamtschatka ganz im Osten der Sowjetunion. Diese besteht zu diesem Zeitpunkt nur noch auf dem Papier. Die sowjetische Ordnung zerfällt auch am äußersten Rand des Imperiums, in einer Region, die bereits im 18. Jahrhundert unter Zarenherrschaft kolonisiert wurde. In einer Übergangszeit voller Ungewissheit heuert der damals 23-jährige Fotograf bei der Regionalzeitung Kamtschatskaja Prawda an, ein an sich unerhörter Vorgang. Seine Sprachkenntnisse sind dürftig, doch sein Blick ist wach. Und so entstehen eindrucksvolle Aufnahmen aus dem Lebens- und Arbeitsalltag der Menschen auf der Halbinsel am Pazifik. Sie illustrieren die zunehmend kritischer und mutiger werdenden Beiträge im vormaligen Parteiblatt. Doch der Ausflug in den fernöstlichen Journalismus endet für Anselm Graubner schnell. Nachdem die rote Sowjetfahne zum Jahresende 1991 eingeholt wird, verweist die neue alte Obrigkeit der Russischen Föderation den Journalisten aus dem Westen noch im Januar 1992 des Landes. Erhalten geblieben sind von diesem kurzen Stück Lebensweg - zum Glück für uns - einzigartige Fotografien eines besonderen Augenblicks der jüngsten Zeitgeschichte an einem uns auch heute wieder fernen Ort. Das Buch entstand zusammen mit einer Fotoausstellung des Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.
Der Historiker Reinhart Koselleck (1923-2006) gehört bis heute zu den inspirierendsten, aber auch kritisch diskutierten Repräsentanten seiner Zunft. Seine Arbeiten zielen auf die katastrophalen Erfahrungen der Moderne: auf Gewalt und Terror sowie das Problem der Verselbständigung und Beschleunigung der Geschichte. Aktuell und brisant sind sie nicht zuletzt durch ihre politischen Implikationen, so war für Koselleck die bürgerliche Gesellschaft keine unhinterfragbare Grundlage seines Denkens. Die Autorinnen und Autoren spüren seinen Werken anhand verschiedener Themenfelder wie dem Verhältnis zu Aufklärung, Geschichtsphilosophie, Apokalyptik, Liberalismus und Marxismus oder anhand des Krisen-, Revolutions- und Katastrophenbegriffs nach und stellen dabei Bezüge zu anderen Theoretikern wie Walter Benjamin, Bernhard Groethuysen oder Heinz Dieter Kittsteiner her, die in der bisherigen Forschung zu Koselleck noch kaum eine Rolle spielen.
Kommentar zur Quelle: Quelle: Bekennerschreiben der Europäischen Befreiungsfront (Faksimile), in: Berliner Extra-Dienst, Nr. 13/V vom 17. Februar 1971 (Sammlung Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam).
Kommentar zu Quellen: Quellen: Böhme, Herbert: Unser Brief an den Bundespräsidenten! (23.8.1967), in: Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes: Das deutsche Kulturwerk, 7. Brief, S. 25–27 [= Beilage zu: Klüter Blätter 18 (1967), H. 10]. Böhme, Herbert: Zweiter Brief an den Herrn Bundespräsidenten! (26.10.1967), in: Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, Das deutsche Kulturwerk, 8. Brief, S. 61 [= Beilage zu: Klüter Blätter 18 (1967), H. 11/12].
